Krise bei Xing? Oder Neuausrichtung?

Nanü, da gibts in Xing, dem „Businessnetzwerk“ work for better life, einen Thread, der sich mit nachlassendem Interesse der Benutzer und nachlassender Bedeutung des Mediums Xing beschäftigt. Das kann ich aus Sicht des Online Marketings nur bestätigen. Die Interaktionstiefe bei Postings hat verflixt nachgelassen. Das Gleiche gilt für tatsächlich interessante Zielgruppen, Gruppenaktivität, echte Reichweite. Bleiben wir erstmal beim Letzteren. Xing vermeldet jeden Aufruf eines Beitrags als Reichweite, egal, ob der Benutzer schon mal dort war oder die Seite einfach nur erneuert hat. Die Netto Reichweite der Unique User liegt also niedriger. Schlecht.

Flaute in vielen Gruppen

Bei Gruppenaktivitäten gibts bei weitem nicht mehr so viel richtige Zupferde, also Experten und Meinungsmacher, die auch mal längere Diskussionen einleiten. Statt dessen dümpeln viele Gruppen mit platten Werbepostings mE mehr oder minder scheintot herum, im Vergleich etwa zu 2008, vor 10 Jahren. Ein Standardmechanismus, der jedes Forum befallen kann und der desaströs wirkt: Fallen die Zugpferde weg und macht sich platte Werbung von Me-too Anbietern, Coaches, Beratern, Gemischtwarenläden breit, dann sinkt die Attraktivität für reine Leser und ebenso für Aktionen neuer Zugpferde. Xing mit seinen Gruppen (in der jetzigen Form) sollte mE dabei wirklich nicht als „Businessnetzwerk“ gesehen werden. Es ist einfach nur eine von zig sozialen Plattformen, die in Konkurrenz mit vielen anderen sozialen Netzen um die Aufmerksamkeit der Benutzer kämpft. Allerdings mit guten Funktionen zur Kontaktverwaltung. Stehen diese im Vordergrund, fällt das Interesse an Interaktion nicht größer aus.

Was stimmt da nicht mehr?

Die Benutzer erwarten irgendeinen Mehrwert. Sie möchten unterhalten werden. Sie möchten fachliche Informationen bekommen. Sie möchten als Gewerbetreibende vielleicht Aufträge bekommen. Sie möchten neue Leute und neue Ideen kennenlernen. Das geht aber nicht bei zuviel Werbung, die auch noch oft denkbar ungeschickt eingestreut wird. Zudem, wenn fachliche Diskussionen aufkommen, fehlt es mE häufig an Substanz. Hier wird munter etwas in die Welt posaunt, bei Nachfragen bricht das Kartenhaus zusammen. Oder der Ersteller des Postings setzt etwas in die Gruppe und meldet sich hinterher gar nicht mehr. Oder es geht sofort eine Prügelei los, wer etwas billiger oder besser anbietet. So etwas schreckt stille Mitleser oder interessierte Diskutanten geradezu ab.

Soziale Netze sind ein Geben und Nehmen. Wenn die Zugpferde kein Futter bekommen oder wenn ihnen im schlimmsten Fall noch das Futter geklaut werden kann, streiken sie. Die Bereitschaft, eigenes Know How, eigene Ideen, eigene Kommentare einzusetzen, muss langfristig einen mindestens emotionalen Gegenwert haben (so funktionieren soziale Netze). Entweder nette Leute kennenlernen, neue Ideen aufnehmen, unterhaltsame Geschichten, einen Auftrag, einen Job. Fallen diese Gegenwerte weg, fällt die Motivation für Zugpferde weg.

Nachlassende Attraktivität von Xing?

Kann ja sein, dass jetzt mehr Mitglieder drin sind. Für mich hat trotzdem die Attraktivität und noch mehr die Aktivität böse nachgelassen. Apropos Mitglieder. Hier scheint es wahnsinnig viele Karteileichen zu geben, was einige Moderatoren auch bestätigen. Man hat die üblichen Vielschreiber, Spammer und Moderatoren, eine geringe Leserzahl und anscheinend die übergroße Mehrheit vollkommen inaktiv – nicht mal lesend. Eigentlich sollte man bei steigenden Mitgliedszahlen eine ebenso steigende Aktivität in den Gruppen erwarten können. Davon sehe ich aber nichts. Und die Aufrufzahlen des eigenen Profils sind selbst bei umfangreichen Aktivitäten im Vergleich zu anderen Werbeformen schlichtweg mies. Anderes Thema, Klickzahlen laut IVW? Ich persönlich habe den Eindruck, dass die auch dadurch entstehen, weil man viel mehr bei der Bedienung herumklicken muss als es früher der Fall war. Das dürfte also als Gradmesser wenig taugen – aber der Betreiber kann bestens Werbebanner vertickern.

Länger absehbar

Ob diese Entwicklung neu ist? Nein. Früher beherbergte bspw. das Forum Internet Marketing reichlich Fachleute, die munter miteinander redeten. Das kenne ich noch aus Zeiten, wo es deutlich weniger als 10.000 Mitglieder hatte. Dort war richtig was los. Heute sinds über 40.000 Mitglieder und es herrscht vergleichsweise tote Hose. Das Anschwellen der Trittbrettfahrer war ebenso zu verzeichnen, wie ein zunehnehmendes Posting von Leuten, die aus anderen Branchen am Wachstum des Online Marketing partizipieren wollten. Auch so kann man ehemals gute Foren beschädigen. Das liegt ausdrücklich nicht an den oft guten Moderatoren. Die das sogar noch kostenlos machen,….oder selbst aus eigener Tasche für Extrafunktionen zahlen: das nenn ich Optimismus. Wenn man als Moderator nicht die eigene Gruppe gnadenlos für eigene Werbezwecke und zum Datensammeln nutzt, wo soll sich das rechnen?

Betrachtet man die Plattform kennzahlenorientiert, sollte man sich an harten Fakten und weichen Faktoren orientieren. Was bringt mir der Beitrag, der Kommentar an Klicks auf mein Profil, Weiterleitungen auf meine Homepage und natürlich Abschlüssen? Wo lerne ich mit welchem Aufwand interessante Menschen kennen, bekomme für welche Lesezeit wirklich neue Ideen, habe langfristig mit wieviel Arbeitszeit ganz einfach wieviel Spaß? Interaktionstiefe, etc. wurden in Zusammenarbeit mit Johannes Wobus erhoben, siehe die Xing Daten.

Die Konsequenz für mich seit Langem: Ich schaue nur noch sporadisch bei Xing rein. Kann sein, dass ich hierdurch mal einen interessanten Artikel verpasse. Es lohnt sich für mich nicht, die Nadel im Heuhaufen stundenlang zu suchen und mich mit Billigwerbung oder Belanglosigkeiten herumzuschlagen. Ich habe jetzt als Online Marketer zum ersten Mal seit vielleicht 8 Monaten wieder das Forum Internet Marketing besucht. Aber nur, um die aktuelle Mitgliedszahl für genau diesen Beitrag hier zu sehen. Gelesen habe ich nichts. Andere Foren habe ich jahrelang nicht besucht oder nur, wenn ein Kollge mich auf etwas aufmerksam machte.

Auch die früher oft brauchbaren Resultate von Beiträgen in den Suchmaschinen ließen nach. Logisch, mit der Zeit schieben sich spezialisierte Webauftritte locker an einem „Gemischtwarenladen“ beim Ranking vorbei nach vorne. Und, nochmal auf das Problem der Beliebigkeit von de facto Werbebeiträgen zurückggreifend: Mittelprächtiger oder schlechter Content tut keinem Webauftritt gut. Natürlich kann man etwas gegen diese Entwicklung tun……

Perspektive: Was ganz anderes?

Xing hockt auf jeder Menge Nutzerdaten im Erwerbsalter und hat vor einiger Zeit ein interessantes Startup gekauft. Da gehts um Analyse und Vermittlung. Naaa, klingelts? Wenn man im deutschsprachigen Raum auf mehrere Millionen Datensätze von Arbeitnehmern und Firmen zurückgreifen kann………….. bräuchte man nur noch eine „relativ“ einfache Matchingfunktion von „ich kann“ und „wir brauchen“. Vielleicht noch eine Eingabe zur Gehaltsvorstellung oder ein Formular fürs Bewerbungsschreiben, fertig ist die Basisfunktion für eine riesige Jobbörse. Sogar für die Bewertung eines Arbeitgebers aus Sicht der Mitarbeiter könnte gesorgt sein. Xing besitzt bereits das Arbeitgeberbewertungsportal kununu.

Viele Firmen, vor allem größere, nutzen vorgeschaltet vor ihre HR Abteilungen Personalberater. Sowie natürlich auch Software nebst Plattformen von Fremdherstellern. Dafür lassen sich die jeweiligen Anbieter recht gut bezahlen. Wenn man hier eine Automatisierung schafft, kann man munter zu einem sehr günstigen Kurs zumindest Basisfunktionen einer Kandidatenvermittlung anbieten. Das sollte für „einfache“ Berufszweige und viele Einstiegspositionen locker reichen……….. und bringt als Massenmarkt so manchen Euro.

Und da wären noch die Projektgeschäfte mit Freiberuflern und Interimmandaten. Dafür gibts sogar seit Langem eigene Gruppen als Marktplätze. Lohnt sich für mich persönlich nicht, da dort meist eher über den Preis als Know How oder Erfahrung gesucht wird. Tja, mit ähnlichen Funktionen, wie oben beschrieben, wäre auch Projektvermittlung machbar. Zusätzlich wirbt Xing schon für eigene, spezielle Freiberuflersoftware. Und falls man sowas nur noch mit den Produkten von Haufe oder Buhl Data kombiniert?

Und Linkedin?

Hat schon längst Funktionen für potentiell Arbeitssuchende oder wechselwillige Kandidaten. Dort kann man direkt einstellen: „nö, will nicht“, „och, mal gucken, sag was“, „ich suche“.

Abwarten aber

Sie dürfen gerne weiter denken……….. was da machbar ist, ob und wie sich so etwas bei Personalberatern auswirkt, ob Xing damit besser fährt oder nicht, ob der Freiberuflermarkt einen neuen Mitbewerber bekommt……..

Kann aber auch alles nur Spekulation sein, immerhin möchte man zügig den Aktienkurs erhöhen……

Autor: Georg Grohs Online Marketing

Onlinemarketing als Extremsport. Erfahrung seit 1998, einige einzigartige Erfolge. Aber immer mit einem Lächeln. www.georg-grohs.de